– Von Facebook umzingelt: Ob Mitglied oder nicht – Ob Sie wollen oder nicht: Auch Sie sind dabei!

Facebook weiss viele persönliche Informationen über die eigenen Nutzer. Aber auch einiges über die Menschen, die ihm fernbleiben wollen! Das Werkzeug dafür: der „Freundefinder“. Facebook-User sein – oder nicht sein? Diese Frage stellt sich nicht, denn das Netzwerk kennt jeden.

 

Es ist nicht die erste Mail, die Laura von Facebook bekommt. Bisher hat sie die sofort gelöscht, doch diesmal wird sie stutzig. Ein Bekannter lädt sie ein, dem grössten sozialen Netzwerk der Welt beizutreten, und Facebook schlägt ihr gleich weitere mögliche Kontakte vor – sowohl gute Freunde als auch flüchtige Bekannte. Aber woher weiss Facebook, wen Laura kennt?

Immer mehr Menschen erleben dasselbe wie Laura, denn Facebook wächst und wächst. Rund 13,6 Millionen Deutsche halten auf dieser Website Kontakt zu ihren Freunden – knapp 20 Prozent mehr als noch vor drei Monaten. Weltweit ist schon jeder vierte Internetnutzer bei Facebook aktiv, eine Usermasse, die dem Netzwerk einen wohl einzigartigen Einblick in soziale Beziehungen auch ausserhalb der eigenen Seite ermöglicht. Wir erklären Ihnen Facebooks simple, aber effektive Technologien zur Datengewinnung. Lesen Sie ausserdem, welche Motivation dahintersteckt und wie Sie sich gegen die Datensammlung wehren können.

 

Bedenklich: Die Adressbücher scannen

Facebook weiss sehr viel über die eigenen Nutzer, die dort persönliche Informationen preisgeben. Mit deren Hilfe erfährt das Unternehmen aber auch einiges über die Menschen, die ihm fernbleiben wollen. Das Werkzeug dafür: der „Freundefinder“.

 

Facebook-User erlauben dem Netzwerk mit dieser Funktion, den eigenen E-Mail-Account (etwa von T-Online, GMX, Yahoo oder Web.de) zu durchsuchen und die Namen und Mailadressen aller Kontakte aus dem Adressbuch auszulesen. Dazu gibt der User lediglich seine Mailadresse und das dazugehörige Passwort ein oder lädt eine Kontaktdatei aus dem E-Mail-Programm hoch. Auch die Kontakte des VoIP-Dienstes Skype und des Chatprogramms ICQ kann der Freundefinder durchsuchen. Die damit gewonnenen Daten vergleicht Facebook mit den bereits registrierten Nutzern und schlägt diese bei Übereinstimmung als neue Freunde vor. Den nicht Registrierten – wie Laura – schickt Facebook auf Wunsch des Users eine Einladungsmail. Die Kontakte sind bereits ausgewählt, sodass ein Klick genügt.

 

 

Kontaktimporte bieten auch deutsche Netzwerke wie studiVZ oder wer-kennt-wen.de an, wie auch die meisten E-Mail-Dienste. Die Technik ist also weder neu noch einzigartig. Doch im Gegensatz zu den anderen speichert das Unternehmen aus Kalifornien nicht nur die Mailadresssen, sondern auch deren Verbindungen untereinander und erhält so mit der Zeit ein genaues Bild sozialer Netze. Selbst wenn nur ein Teil der rund 575 Millionen Nutzer seine Kontakte hochlädt, hält der Physiker Mark Buchanan es für wahrscheinlich, dass Facebook rund 90 Prozent aller Mailadressen weltweit kennt.

 

Freunde schneller finden

Aber könnte Facebook nicht auch ohne diese Datensammlung ein gutes soziales Netzwerk sein? Nur bedingt, denn der Freundefinder ist der schnellste Weg, Bekannte in Facebook zu finden. Und das ist notwendig, weil Facebook selbst keine eigenen Inhalte anbietet, sondern nur eine Plattform stellt, auf der Menschen mit anderen in Verbindung bleiben können. Erst mit diesen Kontakten kann man Informationen austauschen, seien es Fotos, Videos, interessante Weblinks oder persönliche Nachrichten. Das macht Facebook zu Nachrichtenzentrale, Fotoalbum, Chatprogramm und Bookmarkdienst in einem und besonders für jüngere Webnutzer zur ersten Anlaufstelle im Web. Neben Freunden kann man auch Neuigkeiten von Unternehmen beziehungsweise Produkten oder Newsseiten verfolgen.

Wer also keine leeren Seiten betrachten will, braucht Kontakte. Neben dem Freundefinder bietet Facebook noch weitere Funktionen, die diese Suche erleichtern – und die Datenbanken mit Informationen füllen. Besonders beliebt sind die Handy-Apps, mit denen man auch unterwegs Neuigkeiten mit Freunden teilen kann. Laut Facebook nutzen weltweit rund 200 Millionen Menschen die Apps, die für alle wichtigen Systeme (etwa iOS, Android, Windows Phone und Symbian) erhältlich sind. Bei der ersten Einrichtung synchronisiert die App alle auf dem Handy gespeicherten Kontaktdaten und übermittelt Namen, Telefonnummern und Mailadressen an Facebook. Verhindern kann man das nur, wenn man den leicht zu übersehenden Haken neben der entsprechenden Option entfernt.

Noch beängstigender wird diese Datensammlung, wenn die am 15. November angekündigte Nachrichtenzentrale startet. Darin will das Unternehmen nicht nur intern verschickte Nachrichten und Chats, sondern auch externe E-Mails und SMS bündeln. Sobald Sie also einem Facebook-User, der diese Funktion nutzt, eine Mail oder SMS schicken, speichert Facebook Ihre Daten. Wie genau diese dann verwendet werden, ist im Moment aber noch nicht abzusehen.

Eines haben Freundefinder, App und Nachrichtenzentrale gemeinsam: Sie erinnern an das Schneeballprinzip. Facebook-Nutzer laden ihre Bekannten ein, die sich daraufhin anmelden und ihrerseits andere Menschen einladen. Das ist so effektiv, dass Facebook auch sechs Jahre nach der Gründung noch immer in nahezu jedem Land wächst, in vielen sogar um fünf bis zehn Prozent monatlich. Für Facebook sind die persönlichen Einladungen ideal, denn wem vertraut man mehr als seinen Freunden?

 

Im Hintergrund erstellt Facebook damit aber eine Landkarte sozialer Beziehungen. Nicht nur aus dem selbst proklamierten Motiv, die Welt zu verbessern, indem man sie offener und vernetzter gestaltet, sondern um Geld zu verdienen.

Die 575 Millionen Nutzerprofile sowie Milliarden von Fotos, Videos und Nachrichten verwaltet Facebook in fünf grossen Datencentern mit je bis zu 8000 Servern, etwa in London und New York. Im November begann der 450 Millionen US-Dollar teure Bau der sechsten Serverfarm im US-Bundesstaat North Carolina. Aber wo kommt das Geld her? Da Facebook (noch) nicht börsennotiert ist, muss das Unternehmen keine genauen Zahlen nennen, das Geld sprudelt aber hauptsächlich aus zwei Quellen: von externen Geldgebern und aus Werbeeinnahmen.

 

In bisher sieben grossen Finanzierungsrunden seit 2004 haben sich Privatpersonen und Unternehmen Anteile an Facebook gekauft, darunter Microsoft (für 240 Millionen US-Dollar) und die russische Investmentfirma DST (400 Millionen US-Dollar), Betreiber des E-Mail-Dienstes Mail.ru. Wie viel Geld Facebook mit den noch sehr dezenten Werbeanzeigen erzielt, ist unklar. Insider schätzen jedoch, dass die Einnahmen damit schon im Jahr 2009 knapp 800 Millionen US-Dollar betrugen und einen zweistelligen Millionenbetrag Gewinn generierten.

Facebook betont stets, dass der Dienst kostenfrei bleiben soll – für alle. Dafür muss sich jeder bewusst sein, dass das Unternehmen detaillierte Daten über registrierte Nutzer speichert und in geringerem Masse auch über die, die sich von dem Netzwerk fernhalten. Nur leider sind diese Informationen dort nicht immer sicher, wie eine Reihe von Datenskandalen zeigt (siehe letzte Seite). Worüber Facebook grosszügig hinwegsieht: Das Unternehmen darf diese Daten überhaupt nicht speichern.

 

Gesetze werden ignoriert

Nur unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt das Bundesdatenschutzgesetz, dass man personenbezogene Daten ohne Einwilligung des Betroffenen erheben darf – etwa wenn gesetzliche Regelungen dies verlangen. Auf Facebook treffen diese Ausnahmen nicht zu, weshalb es unzulässig ist, Daten von Menschen wie Laura, die dort nicht registriert sind, zu speichern. „Streng genommen verstossen schon die User gegen das Datenschutzrecht, wenn sie Mailadressen Dritter ohne deren Einwilligung an Facebook übermitteln“, so Hagen Hild, Fachanwalt für IT-Recht.

Doch solche Detailfragen, die neue Webdienste wie Facebook aufwerfen, beantworten die veralteten Gesetze nicht. Die rechtliche Grundlage ist daher die eine Frage, dieses Recht durchzusetzen eine ganz andere. Zwar muss Facebook sich an deutsche Gesetze halten, da es eine deutschsprachige Version der Seite anbietet. Welche Funktionen aber noch zulässig sind und welche nicht, müssen Juristen im Einzelfall prüfen – so wie derzeit der Bundesverband der Verbraucherzentralen mit einer Klage vor dem Landgericht Berlin. Eine andere, aber eher theoretische Möglichkeit wäre, eine Unterlassungserklärung gegen denjenigen zu erwirken, der Ihre Daten an Facebook übermittelt hat. Diesen Fall hat es laut Hagen Hild aber noch nicht gegeben.

 

Mühsam: Nur sehr schwacher Schutz für User

Wollen Sie dennoch aktiv werden, rät Hild, sich an den Datenschutzbeauftragten Ihres Bundeslands zu wenden. Dieser sammelt Beschwerden und tritt bei Bedarf direkt mit Facebook in Verbindung. Schon seit Monaten verhandelt etwa Hamburgs Datenschutzbeauftragter Johannes Caspar mögliche Änderungen am Freundefinder – bislang jedoch ohne Einigung.

Unterdessen müssen Sie sich selbst gegen die Datensammelwut wehren. Facebook bietet dafür zwei Möglichkeiten – doch auch die sind nur eine Wahl zwischen Pest und Cholera. Die erste Option: Unter jeder Einladungsmail finden Sie einen Link, mit dem Sie Facebook untersagen können, weiterhin Mails zu schicken. Der Haken dabei ist, dass Facebook zum Abgleich Ihre Mailadresse speichern muss – und somit auch weiterhin erfährt, wer Ihnen Einladungen schickt.

Tief in den Hilfeseiten hat Facebook die zweite Option versteckt. Unter dem Link www.facebook.com/help/contact.php?show_form=database_removal können Sie alle über sich gespeicherten Daten aus den Facebook-Datenbanken löschen lassen. Der Nachteil hierbei ist, dass Facebook Sie damit „vergisst“, Sie also zukünftig Einladungsmails bekommen und dann erneut im Datenpool landen. Sie müssen also nach jeder Einladung Ihre Daten entfernen.

Diese Methode ist leider die einzige, um Ihre Daten von Facebook fernzuhalten. Wenn Sie das nicht tun, werden Sie eher früher als später ein Teil des Netzwerks. Denn inzwischen führen alle Wege nicht mehr nach Rom, sondern zu Facebook.

 

Facebooks dauernde Sicherheits/Datenskandale

Facebook sammelt nicht nur viele Daten, sondern verliert sie auch – durch Sicherheitslücken, Bugs und unvorsichtige Drittanbieter.

• Beliebte Facebook-Apps(etwa Spiele wie FarmVille oder Texas HoldEm Poker) haben bis Oktober 2010 unerlaubt Nutzer-IDs an mindestens 25 Werbe- und Usertracking-Dienste übermittelt. Durch eine Sicherheitslücke konnten die App-Entwickler die Namen der User und sogar ihrer Freunde sehen. Facebook kündigte an, den Zugriff auf Userdaten stärker einzuschränken.

 

100 Millionen Facebook-Profile hat der US-Blogger Ron Bowes am 26.7.2010 ausgelesen. Die Daten stammten aus dem öffentlich einsehbaren Namensverzeichnis, ähnlich einem Telefonbuch. Jeder User kann selbst entscheiden, ob er dort aufgelistet wird, doch sind diese Einstellungen nicht leicht zu finden.

Hamburgs Datenschutzbeauftragter Johannes Caspar hat am 7.7.2010 ein Bussgeldverfahren gegen Facebook eingeleitet. Damit will er das Unternehmen zu einem sensibleren Umgang mit Nutzerdaten drängen, die es etwa durch den Freundefinder gewinnt.

Werbeunternehmen, etwa Googles DoubleClick und Yahoos Right Media, haben bis Mai 2010 von Facebook persönliche Daten der Nutzer erhalten. Wenn User auf Anzeigen von Google oder Yahoo geklickt haben, wurde deren Name, Adresse und Alter übermittelt.

Eine Sicherheitslücke führte am 5.5.2010 dazu, dass Nutzer für kurze Zeit die Chats ihrer Kontakte verfolgen konnten. Ausserdem konnte man die Kontaktanfragen dieser User sehen. Erst kurz zuvor hatte Facebook die Datenschutzeinstellungen überarbeitet.

Rund 400 Millionen Mailadressen konnte man am 31.3.2010 auf den Profilseiten der User sehen. Ein Systembug war schuld, dass die Daten von drei bis vier Uhr morgens öffentlich waren.

 

 

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